Der Gorja

Der Gorja

Kälte. Es war ungewöhnlich kalt in der Höhle. Er spürte es. Als er die Augen auf schlug, merkte er, dass er allein war. Er sprang auf, flatterte aus seinem Nest und landete unsanft auf der kalten Erde.

Der Boden war gefroren, der Winter kam. Keine gute Zeit für einen Gorja. Und schon gar nicht für einen verkrüppelten, dachte er bitter.

Wo waren sie?

Sein ganzer Clan, einfach verschwunden!

Gerade als er die Höhle verlassen wollte, sah er Krallenspuren, die eindeutig nicht von einem Gorja stammten. Albaks! Ein Albak hatte seinen Clan beim Schlafen überfallen. Sie mussten geflohen sein, doch wieso hatten sie ihn zurück gelassen?

War es wegen seinem verkrüppelten Flügel?

Und wohin waren sie geflogen?

Fragen über Fragen.

Er hatte gar nicht bemerkt, dass er am ganzen Körper zitterte. Er konnte nicht ein mal Beute fangen. Mit seinem Flügel war selbst jede Maus schneller als er. Ohne seinen Clan hatte er keine Überlebenschance. Früher oder später würde ein Albak ihn finden, oder er würde ganz einfach verhungern.

Er trat hinaus und blickte in die Ferne. Du musst sie finden, Novion!

Er hatte seinen Endscheidung getroffen! Er, Novion, würde seinen Clan suchen!

Da gab es bloß ein Problem: Er konnte nicht fliegen. Verdammt!

Halb laufend, halb flatternd, lief Novion um die Höhle. Er suchte etwas Brauchbares, dass ihm helfen konnte seinen Clan zu finden.

In einem kahlem Baum, hatte sich etwas helles verfangen: Ein, wohl ehemals weißes Leinentuch! In letzter Zeit fand man immer mehr Müll von den Menschen. Es wurde für die Gorjas wieder ein mal Zeit , neues Land zu suchen. Wieder weiter in den Norden, wieder weniger Beute und wieder eine lange Reise.

Nein Novion, dieses Mal musst du alleine reisen. Du musst deinen Clan finden, ganz egal wie. Du musst sie finden!

Mit einem Satz sprang er auf den Baum, riss das Tuch samt Ast mit sich und fiel, halb stürzend halb flatternd, den Baum hinunter. Das Tuch bremste den Sturz zwar etwas, aber er landete dennoch schmerzhaft auf der Schulter.

Das Tuch konnte das Segel für ein Luftschiff sein, so wie die Luftpiraten welche hatten! Bloß kleiner.

Im Laufe des Tages sammelte Novion alle Materialien für das Luftschiff zusammen. Gegen Sonnenaufgang hatte er alles beisammen. Das Luftschiff sah eher wie ein Kanu mit Segel aus. Eine Pappkiste, die er nahe der Höhle gefunden hatte, bildete den Bug, der abgebrochene Ast hatte seine neue Bestimmung als Mast gefunden und das war das Segel. Es konnte losgehen!

Novion trat an den Abhang, der etwa zwei Meilen der verlassenen Höhle entfernt lag, nahm Anlauf, rannte mit seinem provisorisch errichtetem Luftschiff Richtung Abhang und sprang in sein Schiff.

Ich fliege!“ Er konnte es nicht fassen. Er flog, wenn auch nicht sehr elegant, aber er flog. Jetzt würde er seinen Clan finden! Novion straffte das Seil, dass er aus großen Grashalmen geflochten hatte. Das Schiff stieg etwas und Novion entfuhr ein Freudenschrei. Er hatte ein richtiges Luftschiff gebaut!

Die Nacht brach an und mit jeder Meile müder. Du darfst nicht einschlafen, noch nicht.

Plötzlich tauchte in der Dämmerung die Umrisse eines riesigen Schiffes auf. Luftpiraten!

Seit hunderten von Jahren wurden die Gorjas von den Luftpiraten gejagt. Sie waren skrupellose Verbrecher: Sie fingen die Gorjas, schnitten ihre Flügel ab und warfen, die ohne ihre Flügel hilflosen Gorjas über Bord. Anschließendverkauften sie die Flügel illegal auf Märkten. Teilweise hatten sie schon ganze Völker der Gorjas so ausgerottet.

Novion konnte den Luftpiraten unmöglich entkommen!

Zu Tode erschrocken riss er das Segel in die entgegengesetzte Richtung herum. Doch es war zu spät. Ein riesiges Netz flog durch die Luft, traf ihn und zog ihn an Bord das riesigen Schiffes. Novion strampelte, doch er verhedderte sich nur noch mehr in den kleinen Maschen. Etwas Schweres traf ihn am Hinterkopf und es wurde hinter Novions Augen.

Stimmen. Sein Kopf brummte immer noch wie ein ganzer Wespesschwarm. Stöhnend rappelte Novion sich auf und betrachtete seine Umgebung genauer: Er befand sich in einem seltsam aussehenden Raum, der in einem langen Gang endete. Aus Richtung Gang hörte er aufgebrachte Stimmen. Langsam kamen die Stimmen näher und Novion wollte sich verstecken, als er merkte, dass um sei mageres Fußgelenk eine schwere Eisenkette gefesselt war. Vier Männer, die Novion für Luftpiraten hielt, bogen aus dem Gang. Einer der Vier war höher gewachsen als die Anderen und schien das Sagen zu haben. Der Rechte war hager und trug eine Augenklappe. Der Linke hatte einen Bart, der einen an den Weihnachtsmann erinnerte. Hinter den Dreien lief eine kleiner, alter Mann mit einer großen Narbe, die sei Gesicht vom linken Augenwinkel, bis zur Nase verunstaltete. Vielleicht wirkte er nur so klein, da er gebückt lief.

Er ist kleiner als die Anderen“, bemerkte der mit der Augenklappe. Er war der unsympathischste der Vier und hatte eine Stimme wie Sandpapier. „Vielleicht ist er noch ein junger Gorja“, nuschelte der Linke durch seinen Bart. Man konnte seine Worte nur erahnen, da sein Bart über den Mund, bis auf das Kinn fiel. Wieder der mit der Augenklappe: „ Sein einer Flügel ist verkrüppelt, vielleicht ist er ein Ausgestoßener.“ „ Genug mit den Geschwätz!“ , knurrte der Anführer. „ Ich will nur wissen wo sein Clan ist. Wenn ihr es herausbekommen habt, schneidet ihm den gesunden Flügel ab und werft ihn von Bord.“

Novion schauderte. Kurz bevor die Männer gekommen waren, hatte er sich wie auf seine Matte gelegt und die Augen fest zu gekniffen.

Der alte Mann hinter den Drein trat vor und begann zu reden: „Das übernehme ich Kapptann.“ Seine Stimme klang, als hätte er sie seit Monaten nicht mehr benutzt. Überrascht drehte der Kapptann sich um und betrachtete den Alten. „Nun gut, Alter. Bring ihn zum reden, egal wie.“ Der alte Mann nickte nur. Kapptann und die beiden Anderen marschierten von Dannen, nicht ohne dem Gorja einen vorher bösen Blick zugeworfen zu haben. Novion lief ein kalter Schauer über den Rücken.

Der alte Mann trat näher an die Matte. „Ich weiß, dass du wach bist.“ Langsam öffnete Novion die Augen. Der Mann funkelte ihn an. Seine Augen passten so gar nicht in das, von unzähligen Falten durchfurchte Gesicht. Lebhaft wie die eines jungen Kindes waren sie.

Auf seiner Schulter bewegte sich Etwas. Ein Dschinn! Für einen Menschen hatte er die Gestalt eines gewöhnlichen Koboldes, aber Novion konnte er nicht täuschen.

Urplötzlich schnellte die Hand des Mannes vor, genau auf seine magere Schläfen. Ein stechender Schmerz raubte ihm für einen Moment lang den Atem. Wörter in einer anderen Sprache schwirrten durch seinen Kopf. Es wurde schon wieder dunkel hinter Novions Augen, als gerade der Dschinn einen ohrenbetäubenden Schrei ausstieß und einen grellen Blitz auf den Alten schleuderte. Mit einen Aufschrei lies er den Gorja los. Der Dschinn nutzte die Gelegenheit, packte ihn und sprang mit Novion unter dem Arm vom Schiff. Er hörte einen gellenden Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging. Dann weitere entsetzte Rufe von Richtung Schiff. Und dann wurde es wieder ein mal dunkel.

Die Stimme des Dschinns weckte Novion: „Hey Kleiner, Geht’s dir wieder besser? Dich haut’s aber schnell von den Socken, was?

Langsam kam Novion wieder zu sich. „Wenn man gerade von einem verrückten, alten Mann überfallen wurde und dann von einem Luftschiff in die tiefe stürzt, kann einem schon mal mulmig werden“, verteidigte er sich. „Schon gut, schon gut. Ich weiß, dass du auf der Suche nach deinem Clan bist. Und ich könnte dir eventuell helfen.“ Novion war immer noch ein wenig benommen und brauchte etwas Zeit seine Gedanken zu ordnen. „Was heißt eventuell?“ fragte er misstrauisch. Dschinns war in der Regel nicht zu trauen. Aber wenn dieser ihn zu seinem Clan führen konnte, …?

Hör zum, Kleiner: Jeder Dschinn hat eine Prophezeiung, die er im Laufe seines Lebens zu erfüllen hat. Wenn ein Dschinn diese nicht erfüllt, kommt er in so was wie die Hölle für Dschinns. „ Und deine Prophezeiung ist…“ „ Und meine Prophezeiung ist, einen kleinen, verkrüppelten Gorja zu seinem Clan zu führen,“ beendete der Dschinn.

Nun war Novion vollends verwirrt. „Nun gut, aber…“ „Nichts da!“ , langsam wurde der Dschinn ungeduldig, „Bist du bereit? Gut, dann steig auf!“, forderte er ihn auf. Er verwandelte sich in ein Art Adler mit riesigen Flügeln. Der Adler machte sich klein, so das Novion aufsteigen konnte.

Los Novion! Es ist wohl die einzige Möglichkeit deinen Clan zu finden!

Er gab sich innerlich einen Ruck und kletterte auf den erstaunlich weichen Rücken des Adlers.

Ein leichter Nordwind zerstrubelte sein dunkles Haar.

Auf geht’s! Suchen wir deinen Clan, Novion!“ Der Adler breitete seine gewaltigen Schwingen aus und lies sich vom Nordwind tragen.

Tragen, zurück, zu Novions Clan.

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